Sehnsucht nach? Oder Sehnsucht von?

Der Weg

Sehnsucht nach?

Oder Sehnsucht von?

Sehnsucht wird oft als etwas verstanden, das sich nach außen richtet.
Vielleicht wie Fernweh.
Ein Ruf nach Weite.

Nach einem Menschen.
Nach Nähe.
Nach einem Gefühl, das sich nicht festhalten ließ.

Doch das ist nur die erste Schicht.

Sehnsucht ist mehr als Suche.
Sie ist auch ein Bedürfnis nach Abstand.
Nach Raum.
Nach einer anderen Beziehung zum Eigenen.

Sie entsteht nicht aus Leere,
sondern aus Wahrnehmung.
Aus dem Moment, in dem Möglichkeiten spürbar werden,
ohne bereits gelebt zu sein.

Manchmal zeigt sie sich als Fernweh.
Manchmal als Unruhe mitten im Alltag.

Sehnsucht hat unterschiedliche Tiefen.
Nicht im Sinne von mehr oder weniger,
sondern als verschiedene innere Landschaften.
Als Räume, die sich öffnen, wenn wir still genug sind, sie wahrzunehmen.

Man kann Sehnsucht nicht beruhigen, indem man sie überdeckt.
Nicht durch Aktivität.
Nicht durch Bilder.
Nicht durch Nähe, die nicht trägt.

Sie meldet sich leise.
Oft dann, wenn alles funktioniert.
Wenn das Äußere stimmig ist,
aber innerlich etwas nicht mitschwingt.

„Sehnsucht nach“ fragt:
Was fehlt mir?

„Sehnsucht von“ fragt:
Was will aus mir heraus?

Vielleicht liegt genau hier ein Wendepunkt.
Nicht weiter zu suchen,
sondern zuzuhören.

Die Romantik hat sich intensiv mit diesem Zustand beschäftigt.
Mit Sehnsucht, Melancholie, Innerlichkeit.
Nicht als Schwäche,
sondern als ernstzunehmende Erfahrung.

Die Fragen bleiben offen:
Verlangt Sehnsucht Erfüllung?
Verlangt sie Ehrlichkeit?
Oder Aufmerksamkeit?

Seingrafie

Ich werde oft gefragt, was ich fotografiere.
Die Antwort darauf ist kein Motiv.

Aus meiner Arbeit heraus ist ein Begriff entstanden: Seingrafie.

Angelehnt an René Descartes:
„Ich denke, also bin ich.“

Meine Haltung formuliert sich so:

Ich fotografiere, also bin ich.

Nicht als Behauptung.
Nicht als Definition.
Sondern als Erfahrung.

Seingrafie beschreibt keinen Stil.
Keine Technik.
Keine Methode.

Sie beschreibt eine Haltung zum Dasein.

Ich versuche nicht, Motive festzuhalten.
Ich erkläre nichts.
Ich illustriere nichts.

Ich begegne dem Leben –
mit der Kamera als Form meiner Aufmerksamkeit.

Was entsteht, ist kein Abbild.
Es ist ein Zustand.
Zwischen Licht und Schatten.
Zwischen Nähe und Distanz.
Zwischen Klarheit und Unschärfe.

Fotografie ist für mich ein Medium,
um Dualität sichtbar werden zu lassen.

Sehnsucht und Bild

Sehnsucht bedeutet, den eigenen inneren Regungen zu folgen
und sie in Bilder zu wandeln.

Nicht als Übersetzung,
sondern als Entsprechung.

Ein Foto ist kein Spiegel der Welt.
Es ist ein Spiegel des eigenen Daseins
im Moment der Aufnahme.

Aus Ehrlichkeit sich selbst gegenüber
entsteht Wahrhaftigkeit im Bild.

Begegnung

Manchmal entsteht aus dieser Haltung auch Begegnung.
Ich begleite Menschen auf ihrem eigenen Weg des Schauens –
nicht vorneweg,
sondern nebenan.

Nicht mit Regeln,
sondern mit Zeit, Wahrnehmung und Gespräch.

Ein gemeinsamer Spaziergang, vielleicht im Wald,
kann dafür ein guter Rahmen sein.
Gehen, schauen, schweigen, sprechen.
Die Kamera ist dabei kein Muss,
aber sie darf mitkommen.

Es geht nicht darum, Bilder zu machen.
Sondern darum, dem eigenen Blick wieder zu trauen.

Schluss

Ich fotografiere, also bin ich.

Nicht als Behauptung.
Nicht als Definition.
Sondern als Erfahrung.

Nicht, weil ich etwas festhalte.
Sondern weil ich anwesend bin.

Wäre ich Maler,
würde das Malen mein Dasein öffnen.

So ist die Kamera mein Medium.
Nicht als Werkzeug,
sondern als Weise, da zu sein.

Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

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