Zwischen Weiß und Schwarz II

Die Spannung des Schattens

Über Dualität, Sehnsucht und die stille Bewegung des Sehens

Manchmal braucht es viel Weiß, damit ein Schatten sichtbar wird, und manchmal braucht es einen Schatten, damit der Blick seine Richtung findet.

Was geschieht eigentlich in einem Bild, das fast vollständig im Weiß verschwindet, in einem Raum also, der zunächst kaum Halt bietet und in dem Formen nur andeutungsweise erscheinen, als würden sie sich erst langsam aus einer unsichtbaren Tiefe herauslösen, während der Blick noch tastend versucht zu verstehen, ob dieses Weiß tatsächlich Leere ist oder ob es vielleicht ein offener Raum sein könnte, ein Raum der Möglichkeit, in dem sich Erscheinung erst allmählich bildet, sobald eine Spur, eine Linie oder ein Schatten beginnt, sich darin abzuzeichnen.

Ist dieses Weiß wirklich nichts, oder handelt es sich vielleicht um einen Raum, der zunächst nur still ist, einen Raum also, der seine Bedeutung nicht sofort preisgibt, sondern erst dann beginnt, sich zu öffnen, wenn der Blick bereit ist, länger in ihm zu verweilen und die eigene Erwartung für einen Moment zurückzunehmen.

In der Fotografie wird Weiß häufig als Reinheit verstanden, als Klarheit oder als überstrahltes Licht, doch ebenso kann es eine ganz andere Erfahrung hervorrufen, denn ein Bild, das im Weiß aufgeht, kann den Blick auch desorientieren, ihm zunächst jede Richtung nehmen und ihn damit in eine Situation bringen, in der Orientierung erst langsam wieder entsteht, genau dort, wo ein Schatten auftaucht und plötzlich Tiefe in eine Fläche bringt, die zuvor nur still und unbewegt erschien.

Vielleicht entsteht Form überhaupt erst an dieser Grenze, dort also, wo Weiß und Schwarz sich begegnen und jener Moment sichtbar wird, in dem der Schatten beginnt.

Der Tanz der Dualität – Goethe vertiefen

Der Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe betrachtete die Natur nicht als starre Ordnung aus festen Kategorien, sondern als eine lebendige Bewegung zwischen Gegensätzen, die sich gegenseitig hervorbringen und zugleich begrenzen. Aus dieser Spannung entsteht eine Dynamik, die den Erscheinungen der Welt überhaupt erst ihre Gestalt verleiht.

Licht und Finsternis.
Ausdehnung und Zusammenziehung.
Entstehen und Vergehen.

Für Goethe war diese Polarität keine Störung der Ordnung, sondern ihre eigentliche Voraussetzung. Erst dort, wo Gegensätze aufeinandertreffen, entsteht jene Spannung, aus der Bewegung hervorgeht und in der sich Formen überhaupt sichtbar ausprägen können.

Gerade im Bereich des Schauens wird diese Polarität besonders deutlich. In seiner Farbenlehre beschreibt Goethe, dass Farben nicht einfach aus dem Licht allein entstehen, sondern aus dem Zusammenspiel von Licht und Finsternis. Farbe erscheint dort, wo sich beide begegnen.

Vielleicht lässt sich auch die Fotografie in diesem Sinn verstehen.
Ein Bild entsteht nicht allein aus Licht, sondern aus der Spannung zwischen Licht und Schatten. Erst an dieser Grenze beginnt die Form sichtbar zu werden.

Die Frage nach dieser Polarität hat mich bereits im vergangenen Jahr beschäftigt; einige Gedanken dazu habe ich damals in meinem Blog unter dem Thema Dualität festgehalten, auf den ich an dieser Stelle verweise.

Vielleicht zeigt Fotografie deshalb nicht einfach Gegenstände.
Sie zeigt vielmehr Momente innerhalb dieser Bewegung, kurze Augenblicke, in denen sich die Spannung zwischen zwei Polen verdichtet und sichtbar wird, kurz bevor sich eine Form vollständig zeigt oder bereits wieder beginnt, sich aufzulösen.

Der kraftvollste Moment liegt vielleicht genau dort:
im Moment maximaler Spannung, kurz bevor sich eine Erscheinung vollständig formt oder bereits wieder beginnt, in eine andere Bewegung überzugehen.

Der Schatten als Tiefe

Der Psychologe Carl Gustav Jung beschrieb den Schatten als jenen Teil der Wirklichkeit, der zunächst im Hintergrund bleibt und häufig erst sichtbar wird, wenn man beginnt, genauer hinzusehen und bereit ist, auch jene Bereiche der Erfahrung wahrzunehmen, die sich dem unmittelbaren Blick zunächst entziehen.

Der Schatten ist dabei nicht einfach Dunkelheit oder Negativität.
Er bezeichnet vielmehr jene Aspekte der Persönlichkeit, die nicht sofort im Licht des Bewusstseins stehen, weil sie im Alltag leicht übersehen, verdrängt oder als unangenehm empfunden werden können.

Doch gerade deshalb besitzt der Schatten eine besondere Bedeutung.
Er enthält oft Fähigkeiten, Impulse oder Erfahrungen, die zunächst verborgen bleiben, weil der Blick sich bevorzugt dem Hellen zuwendet und dadurch übersieht, dass gerade im Dunkleren eine andere Form von Tiefe liegen kann.

Für Jung bestand ein wesentlicher Schritt menschlicher Entwicklung darin, diesen Schatten nicht zu verdrängen, sondern ihn wahrzunehmen und in das eigene Selbstbild zu integrieren. Erst dann kann eine Form von Ganzheit entstehen, in der Licht und Schatten nicht länger gegeneinander kämpfen müssen, sondern als zwei Seiten derselben Wirklichkeit erscheinen.

Diese Bewegung ist kein einmaliger Vorgang, sondern eher ein langsamer Prozess des Erkennens.
Je genauer man hinsieht, desto deutlicher wird, dass der Schatten nicht nur etwas Persönliches ist, sondern auch eine Dimension unserer Wahrnehmung selbst berührt.

Denn auch im Sehen zeigt sich eine ähnliche Struktur:
Der Blick folgt häufig dem Hellen, während das Dunklere zunächst im Hintergrund bleibt.

Doch gerade dort, wo ein Schatten auftaucht, entsteht plötzlich Tiefe.
Eine Fläche, die zuvor flach und unbewegt erschien, beginnt sich zu öffnen, weil der Schatten dem Raum eine Richtung gibt.

Vielleicht lässt sich Fotografie deshalb auch als eine Form des inneren Schauens verstehen, die dem Schatten eine besondere Aufmerksamkeit schenkt.
Nicht um Dunkelheit zu betonen, sondern um jene Spannung sichtbar zu machen, aus der Form überhaupt erst entstehen kann.

Und vielleicht liegt genau darin eine stille Parallele zwischen Psychologie und Fotografie:
Beide beginnen sich zu vertiefen, sobald der Blick bereit ist, auch das Unsichtbare ernst zu nehmen.

Wenn der Schatten nicht länger als Störung erscheint, sondern als Teil einer größeren Wirklichkeit verstanden werden kann, entsteht eine andere Form von Balance.

Vielleicht lässt sich diese Bewegung sogar als eine Form von Liebe verstehen, nicht als romantische Vorstellung, sondern als eine Haltung, die auch das Unvollkommene einschließt und anerkennt, dass gerade in der Annahme des eigenen Schattens eine Form von innerer Versöhnung entstehen kann.

Die Integration des Schattens wird in diesem Sinn zu einer Form von Selbstliebe.

Wasser, Resonanz und die Frage nach der Liebe

Der japanische Forscher Masaru Emoto machte mit einer ungewöhnlichen Beobachtung auf sich aufmerksam. In seinen Fotografien von gefrorenen Wasserkristallen zeigte sich, dass unterschiedliche Worte zu unterschiedlichen Kristallformen führten. Besonders harmonische und symmetrische Strukturen tauchten dabei immer wieder bei einem Begriff auf, der in seinen Versuchen eine zentrale Rolle spielte und der zugleich in vielen Kulturen als eine der grundlegendsten Kräfte menschlicher Verbindung verstanden wird.

Liebe.

In den Versuchen, die Emoto dokumentierte, schien Wasser auf eine besondere Weise zu reagieren. Es wirkte nicht nur wie eine chemische Substanz, die nach bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, sondern zugleich wie ein empfindliches Medium, das auf Worte, Gedanken oder Stimmungen antwortet, indem es seine Form verändert und aus einem zunächst ungeordneten Zustand heraus eine sichtbare Struktur bildet.

Unabhängig davon, wie man diese Experimente wissenschaftlich bewertet oder interpretiert, bleibt der Gedanke dahinter bemerkenswert. Denn er wirft eine Frage auf, die weit über das einzelne Experiment hinausreicht und zugleich eine alte Intuition berührt, die in vielen kulturellen Traditionen immer wieder auftaucht:
die Vorstellung, dass Materie möglicherweise nicht nur mechanisch funktioniert, sondern auch auf Beziehung und Resonanz reagiert.

Der menschliche Körper besteht zu einem großen Teil aus Wasser, und auch die Erde selbst ist ein Planet, dessen Oberfläche von Wasser geprägt ist. Seen, Flüsse, Ozeane und Wolken bilden einen Kreislauf, der das Leben überhaupt erst ermöglicht und zugleich zeigt, wie eng Bewegung, Form und Wandel miteinander verbunden sind.

Interessanterweise gehört Wasser auch aus physikalischer Sicht zu den ungewöhnlichsten Substanzen der Natur. Es besitzt eine sogenannte Dichteanomalie: Beim Gefrieren zieht es sich nicht zusammen wie die meisten Stoffe, sondern dehnt sich aus. Eis ist deshalb leichter als Wasser und schwimmt an der Oberfläche. Dadurch frieren Seen im Winter von oben zu, während darunter weiterhin flüssiges Wasser existiert, eine Eigenschaft, die das Leben in vielen Gewässern überhaupt erst möglich macht.

Wenn Wasser also ein Träger von Struktur sein kann, wenn es auf Einflüsse reagiert und Formen hervorbringt, die sich aus einem Zustand scheinbarer Unordnung heraus bilden, dann stellt sich eine einfache und zugleich tiefgehende Frage.

Könnte es sein, dass auch Wahrnehmung eine Form von Resonanz ist?

Dass ein Bild nicht nur etwas zeigt, sondern zugleich etwas im Inneren des Betrachters berührt, weil zwischen Bild, Raum und dem Menschen, der es betrachtet, eine Art stiller Austausch entsteht?

Gerade darin könnte eine der stillen Kräfte der Fotografie liegen.
Ein Bild ist nicht nur eine Ansammlung von Formen und Tonwerten, sondern zugleich ein Raum, in dem sich etwas zwischen Bild und Betrachter ereignen kann; ein Moment der Begegnung also, in dem Wahrnehmung nicht nur registriert, sondern antwortet.

Vielleicht erklärt genau das, warum manche Bilder uns unmittelbar erreichen, während andere kaum eine Spur hinterlassen.

Ihre Wirkung entsteht womöglich nicht allein aus dem, was sichtbar ist, sondern aus einer Art Resonanz zwischen Bild, Raum und dem Inneren des Betrachters.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass ausgerechnet bei Emoto immer wieder ein Wort auftauchte, das in vielen Kulturen als die grundlegendste Form von Verbindung verstanden wird.

Liebe.

Wenn Wasser auf Worte, Musik oder Gedanken reagieren kann, stellt sich eine andere, vielleicht noch spannendere Frage:

Wie reagieren wir Menschen auf Bilder, Worte oder Gedanken?
Und welche Form von Resonanz entsteht dabei in uns selbst?

In diesem Zusammenhang entstand bereits 2024 das Buch „Inspirakel“.
Es verbindet die Gedanken und Impulse von Tina Wiegand zur Persönlichkeitsentwicklung mit meinen Fotografien.

Tina Wiegand war Bewusstseinsforscherin und Alchemistin. Das Inspirakel funktioniert nicht nach dem Prinzip des Zufalls, sondern nach dem Prinzip der Resonanz. Aus einem einfachen Grund: Zufälle gibt es nicht.

Vielleicht liegt das Besondere von Inspirakel genau darin, dass es nicht einfach Antworten gibt, sondern einen persönlichen Raum öffnet, in dem Bilder und Gedanken leise miteinander in Resonanz treten.
Für mich ist Inspirakel deshalb ein besonderes Buch, weil es einen Möglichkeitsraum öffnet, in dem der Mensch sich selbst auf eine neue Weise begegnen kann.

Zum Buch gehört ein Kartenset. Es ist bewusst nicht über den regulären Buchhandel erhältlich. Wer sich dafür interessiert, kann es direkt bei mir beziehen – eine kurze Anfrage per E-Mail genügt.

Fotografie als Raum der Fragen

Fotografie kann selbstverständlich als ein technisches Handwerk verstanden werden, das mit Kameras, Objektiven und präzisen Einstellungen arbeitet und sich mit Fragen von Belichtung, Perspektive und Komposition beschäftigt – mit Brennweiten, Blendenwerten und der sorgfältigen Suche nach einem geeigneten Moment, in dem sich Licht, Raum und Bewegung für einen kurzen Augenblick so verbinden, dass daraus ein Bild entstehen kann.

Doch Fotografie kann zugleich zu etwas anderem werden: zu einer langsamen und geduldigen Übung des Schauens.

Schauen ist eine Form der Freiheit.

Das Bild entsteht dann nicht nur als Ergebnis einer technischen Handlung, sondern als Teil eines inneren Prozesses, in dem sich der Blick Schritt für Schritt an die Welt annähert und dabei lernt, länger bei einer Erscheinung zu verweilen, ohne sie sofort erklären oder einordnen zu müssen.

Denn vieles von dem, was uns berührt, zeigt sich nicht unmittelbar.
Es entfaltet sich erst im Verlauf eines aufmerksamen Betrachtens, in dem der Blick ruhiger wird und sich eine Form der Wahrnehmung einstellt, die weniger vom schnellen Erfassen als vielmehr vom stillen Verweilen geprägt ist.

Ein Bild beantwortet daher nicht immer eine Frage.
Oft eröffnet es vielmehr neue Fragen.

Was geschieht in diesem Weiß, das zunächst wie eine leere Fläche erscheinen mag und doch zugleich eine überraschende Weite besitzt?

Ist der Schatten in einem Bild lediglich Dunkelheit, oder handelt es sich um eine Form von Tiefe, die dem Raum überhaupt erst eine Richtung verleiht?

Wo beginnt eine Form sichtbar zu werden, und an welchem Punkt beginnt sie bereits wieder zu verschwinden?

Die eigentliche Bedeutung eines Bildes entsteht häufig erst im Moment des Betrachtens, weil jeder Blick eine eigene Erfahrung mitbringt. Dadurch können Bedeutungen entstehen, die nicht allein im Bild selbst liegen, sondern im Zusammenspiel zwischen Bild, Raum und dem Menschen, der es betrachtet.

Ein Bild wird in diesem Sinne zu mehr als einer Oberfläche aus Licht und Tonwerten.
Es wird zu einem Ort, an dem sich Wahrnehmung ereignet und an dem sich etwas zwischen Bild und Betrachter in Bewegung setzt.

So erscheint Fotografie weniger als ein bloßes Festhalten der Welt, sondern vielmehr als ein Raum, in dem sich Wahrnehmung entfalten kann.

Ein Raum, der still wird.
Und in dieser Stille beginnt etwas, das sich schwer erklären lässt.

Die Kraft eines Bildes liegt daher nicht allein im Motiv selbst, sondern im Raum, den es öffnet.

Und vielleicht entsteht genau dort ein leises Gefühl:
dass alles gut ist, wenn das eigene Ego einen Schritt zurücktritt.

Gerade in diesem stillen Zwischenraum von Bild und Blick entsteht jenes Gefühl, das viele Menschen kennen, ohne es immer benennen zu können:

Sehnsucht.

Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

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Sehnsucht nach? Oder Sehnsucht von?