Nach der Hitze
Wandlung - Prolog
Diesen Text schreibe ich aus der aktuellen Situation im Weltgeschehen heraus.
Zwischen Kriegen, Akten, Enthüllungen, Bildern und Kunst verdichtet sich eine Gegenwart, die kaum noch auseinanderzuhalten ist.
Ein anderer Text war für die Veröffentlichung bereits vorbereitet. Doch dieses Zeitfenster ist ein anderes geworden.
Es heißt, ein Schmetterling könne einen Weltuntergang auslösen.
Nicht wörtlich, sondern als Bild.
Als Hinweis darauf, dass kleine Verschiebungen große Folgen haben können.
Dieses Bild darf sinnbildlich verstanden werden.
Denn bevor ein Schmetterling entsteht, durchläuft er eine Wandlung.
Eine Metamorphose.
Einen Zustand der Auflösung, in dem das, was er war, nicht mehr gilt und das, was er wird, noch nicht sichtbar ist.
Diese Fähigkeit zur Wandlung beschreibt im übertragenen Sinn etwas, das unsere Zeit prägt:
die Möglichkeit, dass aus scheinbar kleinen, kaum beachteten Veränderungen etwas Größeres entsteht – nicht zwangsläufig Zerstörung, sondern Wirkung.
Zwischen Krieg und Kunst, zwischen Information und Überforderung, zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was sich entzieht, befinden wir uns in einem Zustand, der weniger nach Entscheidung aussieht als nach Übergang.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Texte und Bilder nicht erklären sollten,
sondern markieren, dass etwas in Bewegung ist.
Verdichtung
Es gibt Zeiten, in denen sich etwas verdichtet, ohne dass man es sofort benennen könnte – Zeiten, in denen Veränderung nicht an einzelnen Ereignissen festzumachen ist, sondern sich leise, schleichend und zugleich unausweichlich in den Alltag einschreibt.
Die Tage scheinen schneller zu werden, nicht weil sie weniger Stunden hätten, sondern weil die Zwischenräume verschwinden, weil Stimmen lauter werden, Bilder greller, Meinungen undeutiger, während das, was früher getragen hat, zwar noch vorhanden ist, aber seine Selbstverständlichkeit verloren hat.
Die Ordnung wirkt intakt, fast überzeugend, doch sie ist nur noch eine Oberfläche, unter der sich längst etwas anderes regt – eine außer Kontrolle geratene Metamorphose, ein innerer Zustand, der sich nicht mehr beruhigen lässt und der mit den äußeren Formen nicht mehr zusammenfällt.
Systeme funktionieren, Abläufe greifen, Strukturen bleiben bestehen, und dennoch entsteht das Gefühl, dass diese Ordnung nicht mehr in die Tiefe reicht, nicht mehr bindet, nicht mehr trägt, sondern vor allem eines tut: sich selbst aufrechterhalten.
Solche Zeiten sind nicht neu.
Sie kehren wieder – nicht als Wiederholung, sondern als Verwandtschaft, als eine bestimmte Spannung zwischen Mensch, Gesellschaft und Wahrnehmung.
Manche Epochen reagieren auf diese Spannung mit Beschleunigung, andere mit Rückzug, wieder andere mit Bildern – nicht, um Antworten zu liefern, sondern um etwas sichtbar zu machen, das sich dem begrifflichen Zugriff entzieht.
Francisco Goya – Gewöhnung an den Wahnsinn
Bei Goya ist der Wahnsinn kein plötzlicher Ausbruch und kein fremdes Monster, das von außen über die Gesellschaft hereinbricht.
Er ist ein Prozess. Ein Zustand, an den man sich gewöhnt.
Goya zeigt keine Ausnahmezustände, sondern Übergänge.
Das Unheimliche entsteht nicht durch das Dämonische selbst, sondern durch seine Normalisierung. Figuren wirken nicht erschrocken, sondern eingebunden, beteiligt, manchmal beinahe gleichgültig. Der Wahnsinn wird nicht mehr erkannt, sondern hingenommen.
Gerade diese Gewöhnung macht seine Arbeiten so verstörend.
Nicht der Exzess, nicht die Gewalt stehen im Zentrum, sondern der Moment, in dem das Abgründige Teil des Alltäglichen wird.
Goya beobachtet eine Gesellschaft, in der Maßstäbe verrutschen, ohne dass es als Bruch empfunden wird. Vernunft verschwindet nicht, sie verliert ihre bindende Kraft. Moral bleibt sichtbar, aber wirkungslos. Was bleibt, ist Anpassung.
Grenze
Das Dämonische tritt dabei selten offen auf.
Es kommt nicht mit Hörnern oder Flammen.
Es tarnt sich als Idee, als Haltung, als künstlerische Freiheit, als notwendige Provokation.
In der Geschichte der Kunst wurde das Böse häufig als Teufel, als Luzifer oder als Baphomet dargestellt – als Bild, als Metapher, als Symbol.
Heute jedoch scheint sich etwas verschoben zu haben.
Wenn in der Kunst nicht mehr das Dämonische gezeigt wird, sondern Handlungen vollzogen werden, die sich der Symbolik entziehen, wenn das Essen von Menschenfleisch und das Trinken von Blut nicht mehr als Bild, sondern als reale Handlung inszeniert wird, dann verliert die Kunst ihre schützende Distanz.
Ich nenne bewusst keinen Namen.
Nicht aus Angst, sondern aus Haltung.
Denn dort, wo eine Performance nicht mehr von Realität unterschieden werden kann, wo der Schock nicht mehr Spiegel, sondern Ereignis selbst ist, wird eine Grenze überschritten, die nicht ästhetisch, sondern existenziell ist.
Der Schritt vom Symbol zur Tat ist kein künstlerischer Fortschritt.
Er ist ein Verlust an Maß – im schlechtesten Fall sogar ein Teil der Wahrheit.
Begegnung
Vor wenigen Tagen war ich im Wald unterwegs, mit dem Hund und der Kamera.
Ein gewöhnlicher Spaziergang, bis mir eine Wehrdienst-Grundausbildungsgruppe begegnete.
Ich musste zweimal hinschauen.
Die jungen Männer wirkten auf mich wie Kinder – nicht abwertend, sondern in ihrer Unfertigkeit, in der Selbstverständlichkeit, mit der sie im Schnee lagen, mit dem Maschinengewehr in Stellung, als probten sie einen Ernstfall, der für sie noch keine wirkliche Gestalt hatte.
Seitdem lässt mich eine Frage nicht los:
Warum sind es junge Menschen, die in den Krieg geschickt werden?
Junge Menschen haben diese Lebenserfahrung noch nicht.
Sie haben das Leben mit all seinen Möglichkeiten noch vor sich.
Erwachsene Menschen hingegen wissen, wie zerbrechlich Leben ist.
Gerade deshalb erscheint es problematisch, wenn Entscheidungen von jenen getroffen werden, die ihre Konsequenzen nicht selbst tragen.
Ich möchte junge Menschen nicht bevormunden.
Aber ich möchte sie auch nicht in den Krieg senden.
Denn für mich ist genau das eine Form der Bevormundung – nur in radikalisierter Gestalt.
Die, die entscheiden, tragen nicht den Körper.
Bild und Wirklichkeit
Die Frage nach Wirklichkeit stellt sich auch dort, wo Bilder scheinbar bezeugen.
Robert Capa wurde mit einem Bild aus dem Spanischen Bürgerkrieg bekannt: ein fallender Soldat, der Moment des Todes, eingefroren im Bild.
Bis heute gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, ob dieses Bild gestellt war oder nicht.
Diese Unsicherheit ist keine Schwäche.
Sie verweist auf eine grundlegende Frage: Was zeigt ein Bild – und was projizieren wir hinein?
Capa blieb nicht außerhalb dessen, was er dokumentierte.
Er kam zu Beginn des Vietnamkrieges bei einer Reportage durch eine Sprengmine ums Leben.
Der Beobachter wurde Teil dessen, was er zeigen wollte.
Auch das ist eine Grenze.
Außer Kontrolle
Was ist, wenn die Gesellschaft selbst eine außer Kontrolle geratene Metamorphose ist?
Nicht als bewusster Umbruch, sondern als Prozess, der einmal begonnen hat und sich nun seiner eigenen Dynamik überlässt.
Nicht mehr Raupe, noch kein Schmetterling.
Nur Bewegung, nur Veränderung, ohne innere Ordnung.
Wandlung allein ist kein Fortschritt.
Sie wird es erst, wenn sie von Erfahrung, Verantwortung und Maß begleitet wird.
Eine außer Kontrolle geratene Metamorphose erkennt man daran,
dass alles gleich gültig erscheint,
dass Grenze als Hindernis gilt
und Verantwortung diffus wird.
Vielleicht ist das Beunruhigende nicht, dass sich alles verändert,
sondern dass niemand mehr weiß,
wer diese Veränderung trägt.
Rückzug
Vincent van Gogh ging einen anderen Weg.
Er zeigte keinen Lärm, keine Masse, keine Verdichtung, sondern den Menschen nach dem Bruch – im Rückzug, in der Isolation.
Mit nur 37 Jahren starb er, gesellschaftlich randständig, ökonomisch erfolglos.
Dass er zu Lebzeiten kaum Beachtung fand, wirkt aus heutiger Perspektive beinahe absurd.
Was, wenn dieser Lebensweg kein Scheitern war, sondern eine Form von Wahrhaftigkeit?
Nicht als Ideal, sondern als Konsequenz eines Lebens, das sich nicht verbogen hat.
Was bleibt
Was wäre, wenn dieses Bild tatsächlich geschieht?
Nicht als Katastrophe, sondern als Offenlegung.
Vielleicht ist der Schmetterling kein Auslöser des Untergangs,
sondern ein Hinweis darauf,
dass Wandlung bereits stattfindet.
Was bleibt, ist kein Ergebnis.
Nur Raum.
Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe
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