Der Bräutigam des Todes – Haltung im Angesicht der Endlichkeit

Dieser Text spricht nicht über Fotografie.
Und doch ist sie gegenwärtig.
Nicht als Technik oder Motiv, sondern als Haltung zum Sehen, zur Zeit und zur Vergänglichkeit.

Der Bräutigam des Todes

El novio de la muerteDer Bräutigam des Todes – ist kein Lied über den Wunsch zu sterben.
Und doch passt es auf eine beunruhigende Weise in die gegenwärtige Zeit.

Über Waffen und Krieg wird heute mit einer Selbstverständlichkeit gesprochen,
die alltäglich geworden ist – fast beiläufig,
als ginge man sonntags zum Brötchenholen.
Nicht melancholisch.
Gerade darin liegt die Irritation.

Gesamtheitlich betrachtet stellt sich mir die Frage:
Ist unsere Gesellschaft tatsächlich bereit, der Bräutigam zu sein?
Bin ich es?

Das Lied selbst ist von melancholischen, zutiefst lebensnahen Zügen getragen.
Nicht aus Faszination für den Tod höre ich es,
sondern wegen der Haltung, die es beschreibt.

Es erzählt vom Bleiben bei sich, wenn es keinen Ausweg mehr gibt.
Es verspricht keine Rettung.
Es schildert die Entscheidung eines Menschen,
für sein Handeln einzustehen – bis zur letzten Konsequenz.

Der Tod erscheint darin weder als Gegner noch als Ziel.
Er ist Teil des Weges.
Und der Mensch bleibt aufrecht.

Was berührt, ist nicht der Tod selbst,
sondern die Ruhe, mit der er angenommen wird.

Keine Verklärung.
Kein Trost.
Keine Rechtfertigung.

Nur Haltung gegenüber dem Unausweichlichen.

Nicht, weil das Lied Antworten gibt –
sondern weil es nichts beschönigt.

Der Tod - Aus dem Buch ©Inspirakel von Tina Wiegand und Carlos Vicente de la Plaza

Tyr – die Frage nach der Haltung

Erstaunlicherweise zeigen sich Parallelen zwischen einem nordischen Gott und dem Lied Der Bräutigam des Todes.
An dieser Stelle berührt das Lied eine andere, ältere Figur: Tyr.

Nicht als Mythos,
sondern als Maß.

Aus der Perspektive des gegenwärtigen Augenblicks bin ich froh,
dass Tyr nicht die Bekanntheit seines Gegenspielers Odin besitzt.
Denn gerade darin liegt seine Stärke.

Tyr wirkt im Verborgenen.
Er sucht keine Bühne.
Keine Bewunderung.

Odin handelt aus List.
Er verliert sein Auge –
und gewinnt Erkenntnis.

Tyr verliert seinen Arm –
und gewinnt nichts.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Tyr steht nicht für Klugheit,
nicht für Strategie,
nicht für Gewinn.

Er steht für das gegebene Wort.
Für Wahrheit ohne Aussicht auf Vorteil.

Tyr weiß, dass er verliert.
Und handelt dennoch richtig.

Er opfert nicht, weil er sterben will,
sondern weil Integrität keinen Rückzug kennt.
Sein Handeln ist keine Suche nach Sinn,
sondern die Konsequenz aus Verantwortung.

Hier trifft sich Tyr mit dem Bräutigam des Todes.
Nicht im Tod selbst,
sondern in der Haltung davor.

Die Frage „Bin ich bereit?“
meint dann nicht Opfer oder Heroismus.
Sie meint:

Bin ich bereit, bei mir zu bleiben,
auch wenn es mich etwas kostet?

Tyr gibt darauf keine tröstende Antwort.
Er zeigt nur,
dass Haltung nicht folgenlos bleibt.

Das Universum - Aus dem Buch ©Inspirakel von Tina Wiegand und Carlos Vicente de la Plaza

Ein Lied aus Spanien, ein nordischer Gott und Momo. Weiter auseinander könnten die Quellen kaum liegen.
Und doch spannen sie gemeinsam den Bogen dieses Textes.

Momo – Zeit, Fotografie und Verweigerung

An diesem Punkt tritt Momo hinzu.
Nicht als Kindergeschichte.
Nicht als Metapher.
Sondern als Beschreibung der Gegenwart.

Während über Tod, Verantwortung und Haltung offen gesprochen wird, geschieht etwas Leiseres – und vielleicht Gefährlicheres:
Zeit wird entwertet.
Zerlegt.
Optimiert.
Verbraucht.

Nicht nur durch Krieg oder Gewalt,
sondern durch Beiläufigkeit.
Durch ein Leben, das ständig auf später verweist.

Momo zeigt, dass nicht nur Leben genommen wird,
sondern Lebenszeit.
Unbemerkt.
Im Alltag.

Das Hologramm - Aus dem Buch ©Inspirakel von Tina Wiegand und Carlos Vicente de la Plaza


Fotografie als Gegenbewegung

Fotografie kann diese Zeit nicht zurückholen.
Aber sie kann sich dem Zugriff entziehen.

Sie kann sich weigern,
Zeit zu beschleunigen,
Gegenwart zu verwerten,
Leid zu verwerten.

Sie kann still werden.
Und zeigen, dass etwas da ist.
Jetzt.
Ohne Zweck.

Vergänglichkeit zu fotografieren heißt dann nicht, den Tod zu suchen.
Es heißt, Lebenszeit ernst zu nehmen.
Nicht als Ressource,
sondern als Beziehung.

Das Traumgespinst - Aus dem Buch ©Inspirakel von Tina Wiegand und Carlos Vicente de la Plaza

Verweigerung als Haltung

Hier treffen sich Momo, Tyr und der Bräutigam des Todes ein letztes Mal.

Nicht im Pathos.
Nicht im Widerstand.
Sondern in der Verweigerung, sich vereinnahmen zu lassen.

Tyr verweigert die List.
Der Bräutigam des Todes verweigert die Flucht.
Momo verweigert die Logik des Zeitraubs.

Diese Verweigerung ist leise.
Leise auf die Weise, wie Tyr wirkt.

Schluss

Dieser Text ist keine Stellungnahme.
Er ist ein Innehalten.

Eine Erinnerung daran,
dass Haltung nicht laut sein muss,
dass Zeit nicht verhandelbar ist,
und dass Vergänglichkeit kein Makel, sondern Maß ist.

Fotografie kann das nicht erklären.
Aber sie kann es zeigen.

Dass etwas da war.
Dass es Zeit hatte.
Und dass das zählt.


Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

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