Momo und die Kunst des Schauens

Über gestohlene Zeit, menschliche Werte und die Rückkehr zur Wahrnehmung

Am 8. Juli 2026 wurden am Welfen-Gymnasium in Schongau zwei 13-jährige Schülerinnen bei einem Messerangriff schwer verletzt. Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte leisteten sofort Erste Hilfe; das geistesgegenwärtige Handeln einiger Jugendlicher rettete möglicherweise ein Leben.

Wenige Tage später würdigte die Schulleitung den Zusammenhalt der Schulgemeinschaft und kündigte an, den Blick nun „behutsam nach vorn“ zu richten. Kinder brauchen nach einer solchen Tat Sicherheit, Gemeinschaft und verlässliche Strukturen. Eine Schule muss Räume schaffen, in denen gesprochen, geschwiegen und langsam wieder Vertrauen gewonnen werden kann.

Und dennoch bleibt bei mir ein tiefes Unbehagen.

Wessen Blick richtet sich nach vorn?

Im Umfeld des Geschehens war ein Satz zu hören, der inzwischen beinahe zum festen Repertoire politischer Reaktionen auf Krisen und Gewalttaten gehört:

Wir lassen uns von nichts unterkriegen.

Die Aussage soll Entschlossenheit, Zusammenhalt und Widerstandskraft vermitteln. Doch gerade weil sie so schnell und regelmäßig verwendet wird, droht sie zur Floskel zu werden – zu einer sprachlichen Abkürzung, die Stärke beschwört, noch bevor das Geschehene wirklich betrachtet und verstanden wurde.

Unmerklich kann daraus eine Forderung entstehen: Wir müssen wieder funktionieren, Stärke zeigen und möglichst schnell zur Normalität zurückkehren.

Aber wessen Normalität ist gemeint?

Die Schule kann ihren Betrieb wieder aufnehmen. Die Stadt kann in ihren Alltag zurückkehren. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird weiterziehen. Für die schwer verletzten Mädchen und ihre Familien ist eine solche Rückkehr möglicherweise lange nicht möglich. Für sie endet die Tat nicht mit einer Pressemitteilung oder mit dem Verlassen des Krankenhauses. Sie setzt sich fort – in medizinischen Behandlungen, körperlichen und seelischen Verletzungen, Ängsten, organisatorischen Belastungen und in der Frage, wie das weitere Leben aussehen kann.

Aus dem unmittelbaren Umfeld haben wir erfahren, dass die Unterstützung der Familien als erschreckend unzureichend erlebt wird. Ich kann diese Berichte nicht unabhängig überprüfen und werde weder für die Familien sprechen noch persönliche Einzelheiten veröffentlichen. Dennoch dürfen solche Wahrnehmungen nicht ausgeblendet werden, nur weil sie nicht in die öffentliche Erzählung von Mut, Zusammenhalt und vorsichtiger Rückkehr passen.

Wirkliche Solidarität zeigt sich nicht nur in den ersten Tagen, solange Kameras, Krisenteams und politische Vertreter anwesend sind. Sie zeigt sich nach Wochen und Monaten, wenn medizinische, psychologische, schulische, rechtliche und möglicherweise finanzielle Fragen beantwortet werden müssen.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen“ darf nicht bedeuten: Wir gehen weiter. Es müsste bedeuten: Wir lassen euch nicht allein.

Wenn die Institution ihre eigene Heilung erzählt

In der öffentlichen Darstellung verschiebt sich der Blick. Zunächst stehen die schwer verletzten Mädchen im Mittelpunkt. Dann folgen der Mut der Ersthelfer, der Zusammenhalt des Kollegiums und die Stärke der Schulgemeinschaft. Schließlich richtet sich die Aufmerksamkeit auf Projekte, positive Erfahrungen und die Zukunft.

Alle diese Aspekte sind berechtigt. Zusammengenommen entsteht jedoch eine Erzählung, in der die Institution zunehmend ihre eigene Heilung beschreibt: Die Schule wurde erschüttert, sie steht zusammen, sie arbeitet auf und sie blickt nach vorn.

Die entscheidende Frage lautet aber nicht nur, wie sich die Schule stabilisiert. Entscheidend ist, ob sie bei denen bleibt, die durch die Tat am schwersten getroffen wurden. Eine Institution kann sich organisatorisch erholen, während einzelne Menschen mit den Folgen zurückbleiben.

Der „behutsame Blick nach vorn“ klingt menschlich und verantwortungsvoll. Doch seine Richtung steht bereits fest.

Momo würde vielleicht fragen, warum wir schon bestimmen, wohin wir schauen, bevor wir wirklich verstanden haben, was geschehen ist.

Die grauen Herren

Michael Endes Momo erzählt nicht nur von gestohlener Zeit. Die grauen Herren verändern das Verhältnis der Menschen zur Zeit. Zuhören erscheint unproduktiv, Gespräche werden zum vermeidbaren Aufwand, Beziehungen werden zweckmäßig und jede Unterbrechung gilt als Verlust.

Die Menschen beginnen, ihr Leben zu verwalten, anstatt es zu erleben.

Auch unser Umgang mit Krisen kann dieser Logik folgen. Ein erschütterndes Ereignis muss schnell eingeordnet, organisiert und bearbeitet werden. Krisenteams werden eingesetzt, Zuständigkeiten bestimmt, Schutzkonzepte überprüft und Projekte beschlossen.

Das ist notwendig. Doch aus Aufarbeitung kann eine Verwaltung des Erschreckens werden.

Das Ereignis erhält ein Aktenzeichen, die Schule erhält Maßnahmen, die Kinder erhalten Gesprächsangebote und die Öffentlichkeit erhält eine Geschichte von Mut und Zusammenhalt. Irgendwann gilt der Vorgang als bearbeitet, obwohl die Menschen noch lange nicht verarbeitet haben, was geschehen ist.

Momo würde sich zunächst zu ihnen setzen. Sie würde zuhören und aushalten, dass es keine schnelle Antwort gibt. Sie würde den Schmerz nicht sofort in eine positive Erfahrung verwandeln wollen.

Zuhören ersetzt weder Polizei noch Psychiatrie, Jugendhilfe, Justiz oder konsequentes Handeln. Doch jedes Sicherheitskonzept bleibt unvollständig, wenn es zwar Gefahren verwaltet, Menschen aber nicht mehr wahrnimmt.

Viele Stellen sahen etwas

Nach den bislang bekannten Angaben war der Tatverdächtige den Sicherheitsbehörden bereits bekannt. Wegen früherer Vorfälle wurde gegen ihn ermittelt, weil er unter anderem Mitschüler bedroht und Amoktaten verherrlicht haben soll. Er war zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen worden, wechselte vom Gymnasium an eine andere Schule und soll sich zeitweise in psychiatrischer Behandlung befunden haben.

Es wäre falsch, daraus im Nachhinein zu behaupten, die spätere Tat sei eindeutig vorhersehbar gewesen. Nicht jeder auffällige Jugendliche wird gewalttätig. Gefährdungsbeurteilungen sind komplex, und viele Beteiligte mögen innerhalb ihrer fachlichen und rechtlichen Möglichkeiten verantwortungsvoll gehandelt haben.

Gerade deshalb muss die systemische Frage gestellt werden:

Wie konnten so viele Stellen Teile derselben Entwicklung wahrnehmen, ohne dass daraus ein tragfähiges Gesamtbild entstand?

Die Schule sah einen auffälligen Schüler. Die Polizei sah mögliche Straftaten und Gefahrenhinweise. Die Psychiatrie sah einen Patienten. Die neue Schule übernahm einen Schüler. Jede Stelle arbeitete innerhalb ihrer Zuständigkeit.

Der Mensch selbst aber besteht nicht aus Zuständigkeiten.

Seine Kränkungen, Ängste, Beziehungen, Gewaltvorstellungen, Drohungen und Handlungen gehören zu einer Entwicklung. Wenn jede Institution nur ihren eigenen Ausschnitt beurteilt, können viele Menschen tätig sein und das Gesamtsystem dennoch blind bleiben.

Ein System versagt nicht nur, wenn niemand handelt. Es kann auch versagen, wenn viele handeln, aber niemand für das vollständige Bild verantwortlich ist.

Ein Schulwechsel kann ein sinnvoller Neuanfang sein. Er kann Abstand ermöglichen und festgefahrene Beziehungen lösen. Er darf jedoch nicht zu einer bloßen Verlagerung werden. Entscheidend ist nicht nur, an welche Schule ein junger Mensch wechselt, sondern welche Informationen, Beziehungen und Verantwortlichkeiten ihn dorthin begleiten.

Wurde er begleitet oder lediglich weitergereicht?

Schon Monate zuvor

Bereits im März 2026 hatte ich mich wegen des Umgangstons und des Schulklimas an die Leitung des Welfen-Gymnasiums gewandt. Ich berichtete von aus meiner Sicht herabwürdigenden Äußerungen gegenüber Schülerinnen und Schülern, von körperlichen Stressreaktionen und zunehmender Schulangst meiner Tochter. Zugleich fragte ich, ob nicht nur einzelne Kinder, sondern auch die Erwachsenen und das gesamte schulische Umfeld betrachtet werden müssten.

Zugespitzt schrieb ich damals:

Nicht die Kinder sind das Problem. Es sind die Erwachsenen.

Damit wollte ich nicht alle Lehrkräfte pauschal verurteilen. Ich erklärte ausdrücklich, dass es mir nicht um Bestrafung ging. Mein Gedanke war ein anderer: Kinder orientieren sich an Erwachsenen. Sie übernehmen Sprache, Haltung und Umgangsformen. Deshalb müssen auch die Belastung, die Kommunikation und die Vorbildfunktion der Erwachsenen betrachtet werden.

Die Antwort der Schulleitung war formal nachvollziehbar. Für eine Prüfung brauche es konkrete und überprüfbare Vorfälle. Das Schulklima werde insgesamt als respektvoll und konstruktiv wahrgenommen. Für die Belastung meiner Tochter wurde schulpsychologische Unterstützung angeboten. Nachdem ich konkrete Äußerungen benannt hatte, wurde mir erklärt, dass eine förmliche Prüfung nicht anonym erfolgen könne. Um meine Tochter zu schützen, ließ ich das Verfahren zunächst nicht weiterführen.

Der Schriftwechsel beweist nicht, dass die spätere Tat hätte verhindert werden können. Er belegt auch keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem von mir wahrgenommenen Schulklima und der Gewalttat.

Er zeigt jedoch ein grundsätzliches Muster:

Ich fragte nach dem Zusammenhang – das System verlangte einen Einzelfall.
Ich fragte nach dem Schulklima – das System verwies auf positive Rückmeldungen.
Ich fragte nach der Verantwortung der Erwachsenen – das System bot Hilfe für das Kind an.

Auch das ist nicht grundsätzlich falsch. Eine Schulleitung darf niemanden aufgrund pauschaler Aussagen verurteilen. Sie benötigt konkrete Angaben, muss Persönlichkeitsrechte schützen und geregelte Verfahren einhalten.

Doch eine Atmosphäre besitzt kein Aktenzeichen. Angst lässt sich nicht immer einem einzelnen dokumentierbaren Ereignis zuordnen. Ein System kann aus vielen formal erklärbaren Vorgängen bestehen und als Ganzes dennoch aus dem Gleichgewicht geraten.

Spiral Dynamics: Jeder sieht einen anderen Ausschnitt

Spiral Dynamics kann helfen, diese Reaktionen zu verstehen, ohne Menschen in Schubladen einzuordnen. Das Modell beschreibt unterschiedliche Wertewelten, aus denen Menschen und Institutionen auf ihre Lebensbedingungen reagieren.

Die blaue Wertewelt sucht Ordnung, Regeln und klare Zuständigkeiten. Das gibt Sicherheit, kann aber dazu führen, dass die Einhaltung eines Verfahrens wichtiger wird als die Frage, ob dieses Verfahren den Menschen tatsächlich erreicht.

Orange sucht Lösungen durch Organisation, Fachwissen und konkrete Maßnahmen. Krisenteams, Evaluationen und Schutzkonzepte sind notwendig. Problematisch wird es, wenn eine beschlossene Maßnahme bereits als Lösung gilt, obwohl ihre Wirkung noch nicht erkennbar ist.

Grün richtet den Blick stärker auf Beziehungen, Mitgefühl und die Stimmen der Betroffenen. Es fragt, wer gehört wurde, wer Angst hat und wer sich allein fühlt. Doch auch Empathie allein genügt nicht. Sie braucht Grenzen, Verantwortung und professionelles Handeln.

Eine integrative Perspektive würde diese Wertewelten nicht gegeneinander ausspielen. Sie würde Ordnung, Fachlichkeit, Beziehung und Wahrnehmung miteinander verbinden. Sie würde nicht nur prüfen, ob jede Stelle korrekt gehandelt hat, sondern ob die Übergänge zwischen den Stellen funktionieren.

Denn die gefährlichsten Lücken entstehen häufig dazwischen: zwischen alter und neuer Schule, zwischen Schule und Elternhaus, zwischen Psychiatrie und Alltag, zwischen Polizei und Jugendhilfe sowie zwischen akuter Krisenhilfe und langfristiger Begleitung.

Ein System kann über viele Informationen verfügen und trotzdem blind bleiben, wenn niemand sie zu einem Ganzen verbindet.

Die Fotografie und das vollständige Bild

Hier beginnt für mich die Verbindung zur Fotografie.

Auch eine Kamera kann zum Werkzeug der grauen Herren werden. Immer mehr Bilder werden immer schneller aufgenommen, veröffentlicht und verbraucht. Ein Ereignis wird fotografiert, betrachtet und vom nächsten verdrängt.

Fotografie kann aber auch unterbrechen. Sie kann uns dazu bringen, stehen zu bleiben, bevor wir auslösen. Sie erinnert uns daran, dass Sehen noch kein Schauen ist.

Sehen registriert. Schauen tritt in Beziehung.

In meiner Seingrafie verstehe ich das Auslösen der Kamera nicht als Zugriff, sondern als Antwort. Ich nehme dem Augenblick nicht einfach ein Bild ab. Ich warte, bis sich zwischen mir und dem Sichtbaren etwas zeigt.

Bei einer Gewalttat bedeutet das nicht, Opfer, Angehörige oder einen Tatort fotografisch zu vereinnahmen. Das wäre keine Wahrnehmung, sondern ein Übergriff.

Die Kunst des Schauens richtet sich vielmehr auf das, was aus dem öffentlichen Bild verschwindet: auf die Familien nach dem Ende der Berichterstattung, auf das Schweigen hinter offiziellen Erklärungen, auf die Angst der Schülerinnen und Schüler, auf die Belastung der Lehrkräfte und auf jene Übergänge, an denen Verantwortung verloren geht.

Polizei, Schule, Medizin, Psychologie und Journalismus erzeugen jeweils eine eigene Aufnahme. Jede kann für sich richtig belichtet sein und dennoch nur einen Ausschnitt zeigen.

Die Aufgabe besteht nicht darin, daraus möglichst schnell ein Urteil zu erzeugen, sondern ein vollständigeres Bild entstehen zu lassen.

Das ist Aletheia: Das Verborgene wird nicht erfunden. Es wird sichtbar, weil jemand lange genug hinschaut.

Schauen heißt Verantwortung übernehmen

Die Frage nach einem Systemversagen darf nicht zur pauschalen Verurteilung einzelner Menschen führen. Lehrkräfte, Psychologen, Polizisten, Ärzte und Behördenmitarbeiter handeln innerhalb gesetzlicher, fachlicher und personeller Grenzen. Viele werden aufmerksam und verantwortungsvoll gearbeitet haben.

Doch Verantwortung endet nicht bei der Frage nach persönlicher Schuld.

Ein System muss gerade dann untersucht werden, wenn jede beteiligte Stelle erklären kann, warum sie für sich genommen korrekt gehandelt hat und trotzdem ein katastrophales Ergebnis eingetreten ist.

Vielleicht lag das Versagen nicht in einer einzigen falschen Entscheidung. Vielleicht lag es in der Summe aus Übergaben, Abgrenzungen und verlorenen Zusammenhängen.

Schauen bedeutet deshalb, keine voreiligen Urteile zu fällen. Es bedeutet aber ebenso, sich nicht damit zufriedenzugeben, dass alle im Rahmen ihrer Zuständigkeit gehandelt haben.

Momo würde bleiben

Momo würde vermutlich nicht fordern, dass eine Schule dauerhaft im Zustand der Erschütterung verharrt. Kinder brauchen wieder Alltag, Begegnung und Freude.

Aber sie würde sich noch einmal umdrehen, bevor alle nach vorne blicken. Sie würde prüfen, ob jemand zurückgelassen wurde.

Sie würde bei den Familien bleiben, deren Leben sich verändert hat. Sie würde den Schülerinnen und Schülern zuhören, auch wenn ihre Angst in kein Formular passt. Sie würde nach dem Jugendlichen fragen, ohne seine mutmaßliche Tat zu entschuldigen. Und sie würde die Erwachsenen nicht nur als Funktionsträger betrachten, sondern auch nach ihrer Überforderung, ihrer Verantwortung und ihrer Fähigkeit zur Wahrnehmung fragen.

Darin liegt zugleich die eigentliche Zumutung von Michael Endes Geschichte: Momo übernimmt als Kind eine Verantwortung, die ihr niemals hätte zufallen dürfen. Sie hört zu, erkennt Zusammenhänge und widersetzt sich den grauen Herren, weil die Erwachsenen ihre eigene Wahrnehmung dem Funktionieren untergeordnet haben.

Michael Endes Geschichten faszinieren mich deshalb nicht als harmlose Kindererzählungen. Sie sind deutliche Hinweise an eine Erwachsenenwelt, die ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

Hier schließt sich für mich der Kreis zu Hans Christian Andersens Des Kaisers neue Kleider. Auch dort ist es ein Kind, das ausspricht, was alle sehen könnten, aber niemand mehr zu sagen wagt.

Die Erwachsenen haben ihre Wahrnehmung nicht verloren. Sie haben gelernt, ihr nicht mehr zu vertrauen.

Vielleicht ist genau das eine der großen Herausforderungen unserer Zeit: Wahrnehmung wird zunehmend vorgegeben. Institutionen, Medien, Politik und gesellschaftliche Erwartungen liefern fertige Deutungen. Sie bestimmen, was als Stärke gelten soll, wann ein Ereignis als aufgearbeitet betrachtet wird und ab welchem Zeitpunkt wir wieder nach vorne schauen sollen.

Doch Schauen beginnt dort, wo wir diese vorgegebenen Bilder unterbrechen.

Der Schatten des Einzelnen

Eine Gemeinschaft darf nach vorne blicken. Aber erst, wenn sie niemanden hinter sich zurücklässt.

Ihre Stärke zeigt sich jedoch nicht nur in ihrem Zusammenhalt nach außen. Sie hängt ebenso davon ab, ob der einzelne Mensch bereit ist, sich selbst vollständig wahrzunehmen – auch dort, wo das eigene Selbstbild unangenehm wird.

C. G. Jung bezeichnete als Schatten jene Seiten unserer Persönlichkeit, die wir nicht mit dem Bild vereinbaren können, das wir von uns selbst haben möchten. Dazu gehören Angst, Neid, Kränkung, Aggression, Machtstreben und der Wunsch, andere abzuwerten oder auszugrenzen. Der Schatten besteht jedoch nicht nur aus dem moralisch Verwerflichen. In ihm können ebenso unterdrückte Lebendigkeit, Mut, Eigenständigkeit und Wahrheit verborgen liegen.

Was wir in uns selbst nicht anerkennen, verschwindet nicht. Es wirkt weiter – häufig unbewusst.

Besonders sichtbar wird dies in der Projektion. Was ein Mensch an sich selbst nicht wahrhaben möchte, erkennt und bekämpft er umso entschiedener im anderen. Das eigene Dunkle erscheint dann als Eigenschaft einer fremden Person, einer gesellschaftlichen Gruppe oder eines vermeintlichen Feindes.

Der andere wird zum Träger dessen, was wir in uns selbst nicht anschauen wollen.

So entstehen Feindbilder. Nicht ausschließlich, aber immer wieder. Menschen teilen die Welt in Gut und Böse, schuldig und unschuldig, wertvoll und minderwertig. Sie erleben sich selbst als vernünftig, friedlich und moralisch, während Aggression, Machtstreben und Menschenverachtung scheinbar nur auf der anderen Seite existieren.

Eine Gesellschaft kann sich Menschlichkeit, Frieden und Zusammenhalt auf ihre Fahnen schreiben und dennoch jene Kräfte in sich tragen, die das Gegenteil hervorbringen. Wir können freundlich miteinander umgehen und zugleich Teil eines Systems bleiben, das Verantwortung weiterreicht, Leid verdrängt, Menschen kategorisiert und Gewalt ermöglicht.

Jung ging es nicht darum, den Schatten auszuleben oder moralische Grenzen aufzulösen. Es ging ihm darum, ihn ins Bewusstsein aufzunehmen. Erst wenn ein Mensch erkennt, wozu auch er selbst fähig wäre, muss er das Böse nicht mehr ausschließlich im anderen suchen.

Darin liegt ein wesentlicher Schritt der Individuation: Der Mensch wird nicht dadurch vollständig, dass er ausschließlich seine hellen Seiten entwickelt. Er wird vollständiger, indem er auch das Verdrängte wahrnimmt und dafür Verantwortung übernimmt.

Deshalb genügt es nicht, nur auf Institutionen, Politiker, Täter oder „die anderen“ zu zeigen. Jeder Einzelne muss sich fragen, welche Abwertungen, Projektionen und Formen des Schweigens er selbst mitträgt.

Wer seinen eigenen Schatten nicht kennt, wird ihn leicht im anderen bekämpfen.

Aus Angst entsteht Abgrenzung.
Aus Kränkung entsteht Feindschaft.
Aus Gehorsam entsteht Mitwirkung.
Aus Schweigen entsteht Zustimmung.

Wenn ich sage, dass jeder von uns auch Verantwortung für die Möglichkeit eines dritten Weltkriegs trägt, meine ich damit ausdrücklich keine gleiche persönliche Schuld. Täter, politische Entscheidungsträger und Menschen ohne unmittelbare Macht dürfen nicht gleichgesetzt werden.

Gemeint ist eine radikale Form der Mitverantwortung: Niemand steht vollständig außerhalb jener gesellschaftlichen Dynamiken, aus denen Entmenschlichung, Gewalt und Krieg entstehen. Große Konflikte beginnen nicht erst an Staatsgrenzen. Sie werden lange zuvor in unserer Sprache, in Feindbildern, Gleichgültigkeit, Gehorsam und im Verlust menschlicher Beziehung vorbereitet.

Das sogenannte Gesetz der Resonanz verstehe ich dabei nicht als naturwissenschaftliches Gesetz, sondern als ethisches Bild. Eine Gesellschaft verstärkt, was sie duldet, belohnt und wiederholt. Sie wird nicht nur durch politische Entscheidungen geprägt, sondern auch durch das, was ihre Mitglieder im Alltag mittragen oder unwidersprochen lassen.

Vielleicht liegt darin die Essenz einer funktionierenden Gesellschaft: nicht in der beruhigenden Vorstellung, wir seien alle gut, friedlich und miteinander verbunden, sondern in der Bereitschaft, auch das Dunkle in uns selbst anzuerkennen und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Denn Frieden beginnt nicht erst zwischen Staaten.

Er beginnt in der Art, wie ein Mensch seinen eigenen inneren Konflikten begegnet, wie er mit Angst, Kränkung und Macht umgeht und ob er im anderen weiterhin einen Menschen erkennt.

Eine Gemeinschaft wird nicht dadurch stark, dass sie ihren Schatten verdrängt. Sie wird stark, wenn ihre Menschen bereit sind, ihn anzuschauen, ohne ihm die Führung zu überlassen.

Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

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Alchemie in der Fotografie