Alchemie in der Fotografie

 

Alchemie in der Fotografie

Da mir die Zukunft keine Glaskugel hinterlassen hat, blieb nur der Umweg über Fotografie, Projektion und digitale Zeichen.

Wie komme ich zu einem guten Bild? Diese Frage taucht im Leben vieler Künstler früher oder später auf.

Um die Gegenwart der persönlichen Entwicklung in der Fotografie, in der Malerei oder auch im Berufsalltag zu gestalten, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine davon wäre, die Kristallkugel auf den Tisch zu legen und einen Blick hineinzuwerfen. Diese Methode erfordert allerdings lange Übungszeit. Zudem besitzt vermutlich nicht jeder eine Kristallkugel im Wohnzimmer oder trägt sie in der Hosentasche mit sich herum. Dafür wäre sie vermutlich schlichtweg zu schwer. Ich weiß, wovon ich spreche.

Wie Sie vielleicht festgestellt haben, werfe ich in meinen Texten gerne einen Blick in die Vergangenheit und zugleich einen Blick in die Zukunft, um die Gegenwart besser zu verstehen. Dieser Gedanke wird unter anderem dem römischen Gott Janus zugeschrieben, dem Wächter der Schwellen und Tore. Auch dem nordischen Gott Heimdall werden vergleichbare Eigenschaften zugesprochen.

Mit diesem Text möchte ich mich jedoch einer anderen Ebene widmen:
der Alchemie.

Heute wird Alchemie häufig belächelt oder auf die Vorstellung reduziert, Blei in Gold verwandeln zu wollen. Dahinter verbirgt sich jedoch aus meiner Sicht ein Missverständnis.

Was wäre, wenn Alchemie ursprünglich weniger die Verwandlung von Metall meinte, sondern vielmehr die Wandlung des Menschen selbst?

Um es an dieser Stelle klar zu sagen:
Die Verwandlung von Blei in Gold ist auf materieller Ebene unmöglich. Sollten hierzu andere Erfahrungen vorliegen, bin ich selbstverständlich offen für neue Erkenntnisse.

Interessant wird die Alchemie möglicherweise erst dort, wo sie symbolisch verstanden wird:
als Wandlung des Menschen selbst.

Von einem roheren zu einem bewussteren Umgang mit dem eigenen Leben.

Damit also:
die Verwandlung von Erfahrung in Erkenntnis.
Von Fehlern in Entwicklung.
Von Wahrnehmung in Gestaltung.

Darin könnte der Punkt liegen, an dem die Alchemie plötzlich wieder modern wird.

Geschieht in der Fotografie etwas Ähnliches?

Betrachtet man die Alchemie aus heutiger Perspektive, so wirkten viele Alchemisten beinahe wie frühe Manager komplexer Prozesse. Sie experimentierten mit Stoffen, beobachteten Veränderungen und versuchten, aus Chaos Ordnung entstehen zu lassen.

Aus dieser Welt entstanden Entwicklungen, die bis heute nachwirken. Ein bekanntes Beispiel ist das Meissner Porzellan.

Johann Friedrich Böttger gab vor, Gold herstellen zu können und geriet dadurch unter den Einfluss von August dem Starken. Die Suche nach Gold führte letztlich jedoch nicht zu Gold, sondern zu etwas völlig anderem:
dem europäischen Hartporzellan.

Darin liegt ein interessanter Gedanke.

Ein Mensch sucht nach einer Sache und entdeckt auf dem Weg etwas anderes, das langfristig bedeutender wird.

Wie ist das in der heutigen Zeit im eigenen Leben?

Begonnen hat mein beruflicher Weg in der Gebäudetechnik. Planung, Struktur, Verantwortung und technische Zusammenhänge bestimmten über viele Jahre meinen Alltag. Es war eine Welt aus Präzision, Koordination und oftmals großem Druck.

Gerade aus diesem Druck heraus begann sich jedoch etwas anderes zu entwickeln:
die Fotografie.

Anfangs war sie vermutlich nur ein Ausgleich. Später wurde sie mehr und mehr zu einer Form der Wahrnehmung. Nicht nur die Kamera veränderte sich, sondern ebenso mein Blick auf die Welt und auf mich selbst.

Ich begann mit Technik und fand darüber zunehmend zur Atmosphäre, zur Kunst und zum Schreiben. Aus Belastungen und tiefen Tälern meines Lebens entwickelte sich langsam eine andere Form des Sehens.

Besonders die Gedanken von Carl Gustav Jung halfen mir dabei, Krisen nicht nur als Scheitern zu betrachten, sondern ebenso als Wandlungsprozesse.

Isaac Newton beschäftigte sich intensiv mit alchemistischen Schriften. Goethe wiederum integrierte viele alchemistische Gedanken in sein Denken und Handeln. Beide bewegten sich selbstverständlich zwischen Wissenschaft, Philosophie, Symbolik und Wahrnehmung.

Wird genau an diesem Punkt die Fotografie interessant?

Denn was geschieht eigentlich, wenn ein Bild entsteht?

Licht trifft auf einen Sensor oder früher auf Film. Ein Augenblick wird festgehalten. Doch ein gutes Bild entsteht nicht allein durch Technik. Nicht durch Schärfe. Nicht durch Perfektion.

Beginnt ein Mensch zu fotografieren, taucht früher oder später fast zwangsläufig die Frage auf, ob ein Bild gut oder schlecht ist. Ebenso entsteht häufig der Gedanke, dass ein Fehler gemacht wurde:
ein falscher Fokus,
eine ungeeignete Belichtungszeit,
eine Bewegung zur falschen Zeit.

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Entwicklung. Die zuvor beschriebenen Punkte wirken dabei wie ein Katalysator für den eigentlichen Prozess.

Aus Unsicherheit entsteht Erfahrung.
Aus Wiederholung entsteht Gefühl.
Aus Fehlern entwickelt sich langsam ein eigener Blick.

Viele meiner stärksten Bilder entstanden nicht aus Kontrolle, sondern aus Situationen, die ich zunächst als Fehler empfand:
Unschärfe.
Bewegung.
Zu viel Licht.
Zu wenig Licht.
Auflösung.

Erst später wurde mir klar, dass genau dort Atmosphäre entstand.

Auch Alfred Stieglitz beschäftigte sich intensiv mit dieser Frage. Seine berühmten „Equivalents“ zeigen Wolken, die nicht mehr nur Wetter oder Landschaft darstellen, sondern innere Zustände und Empfindungen sichtbar machen sollten.

Wynn Bullock wiederum verstand Fotografie nicht allein als Abbildung der Wirklichkeit, sondern vielmehr als Möglichkeit, Wahrnehmung, Licht und innere Erfahrung sichtbar werden zu lassen.

Fotografie begann dort, mehr zu werden als reine Dokumentation.

Sind das nicht spannende Aspekte, welche die Alchemie und die Fotografie mit sich bringen?

Wo haben Sie in Ihrem eigenen Leben erlebt, dass sich Ihr Blick auf die Welt verändert hat?

Vielleicht beginnt Alchemie genau dort:
im veränderten Blick auf die Welt.

Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

Bleiben wir in Verbindung –
Licht verändert sich, Gedanken auch.

Wenn Sie neue Gedanken und Bilder von mir erhalten möchten,
abonnieren Sie meine Gedanken im Licht – direkt über den RSS-Feed oder per Mail.

Weiter
Weiter

Warum der erste Mai für mich kein Feiertag ist