Warum der erste Mai für mich kein Feiertag ist

Der erste Mai gilt als „Tag der Arbeit“ und ist gleichzeitig ein gesetzlicher Feiertag, und bereits in dieser Gleichzeitigkeit wird ein Widerspruch sichtbar, der sich nicht auflösen lässt, sondern erkennen lässt, dass hier etwas übernommen und fortgeführt wird, dessen Ursprung zwar benannt werden kann, dessen innere Bedeutung jedoch nur noch als Oberfläche präsent ist.

Dieser Tag besitzt nicht einen Ursprung, sondern mindestens zwei, und diese beiden Ursprünge stehen sich nicht gegenüber, sondern überlagern sich in einer Weise, die im Alltag kaum wahrgenommen wird, obwohl sich aus genau dieser Überlagerung eine Spannung ergibt, die den eigentlichen Charakter dieses Tages bestimmt.

Der jüngere Ursprung liegt in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, insbesondere in den Ereignissen von Chicago im Jahr 1886, wo Arbeiter und Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen kämpften und dabei auf ein industrielles System trafen, das nicht nur wirtschaftlich organisiert war, sondern tief in die gesellschaftliche Ordnung eingriff, wodurch sich der erste Mai als Symbol eines Konflikts formte, der weit über die Frage von Arbeitszeiten hinausreicht.

Dieser Konflikt war nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern strukturell, und er hat sich nicht aufgelöst, sondern seine Form verändert, denn während damals die industrielle Revolution als treibende Kraft wirkte, wird heute die digitale Transformation als Motor gesellschaftlicher Entwicklung beschrieben, begleitet von Narrativen, die zunehmend als selbstverständlich erscheinen, während sich gleichzeitig die Systeme weiter verdichten und die Steuerung immer präziser wird.

Was früher sichtbar war, ist heute in Strukturen eingebettet, die sich dem direkten Zugriff entziehen, wodurch sich der ursprüngliche Konflikt nicht verliert, sondern in veränderter Form weiterwirkt und sich zunehmend der direkten Wahrnehmung entzieht.

Der erste Mai trägt diese Spannung weiter, und sie zeigt sich jedes Jahr aufs Neue in Phänomenen, die sich nicht als Randerscheinungen abtun lassen, denn Ausschreitungen, Freinacht und die temporäre Akzeptanz von Grenzüberschreitungen weisen darauf hin, dass sich hier etwas entlädt, das im Alltag keinen Raum findet, wodurch ein Zustand entsteht, in dem Handlungen legitimiert werden, die außerhalb dieses Rahmens keine Akzeptanz finden würden.

Das ist keine Ausnahme, sondern eine Wiederkehr.

Parallel dazu existiert ein zweiter Ursprung, der sich nicht über Konflikt erschließt, sondern über Erfahrung, und der auf den ersten Blick mit diesen Dynamiken nichts gemein zu haben scheint, obwohl sich bei genauerer Betrachtung eine Verbindung zeigt, die nicht in der Absicht, sondern im Ausdruck liegt.

Es ist das Feuer.

Im einen Zusammenhang erscheint es als Mittel der Zerstörung, sichtbar in brennenden Objekten, in aufgeladener Energie, die sich entlädt und keinen Halt findet, während es im anderen Zusammenhang als Maifeuer auftritt, als Schutz, als Reinigung und als Teil eines Übergangs, der nicht zerstört, sondern bewahrt und trägt.

Das gleiche Element steht in zwei vollkommen unterschiedlichen Bedeutungsräumen, einmal als Ausdruck von Entladung und Auflösung, einmal als Ausdruck von Schutz und Verbindung, wodurch sich weniger ein Gegensatz als vielmehr eine Verschiebung im Umgang mit dem Gleichen zeigt.

Das keltische Fest Beltane markiert keinen politischen Einschnitt, sondern einen Übergang in der Natur, der nicht durch ein Datum bestimmt wird, sondern durch den Zustand der Welt selbst, durch Wachstum, Wärme und Licht, durch eine sichtbare Entfaltung von Leben, die sich nicht planen oder steuern lässt, sondern sich zeigt.

Hier geht es nicht um Forderung oder Durchsetzung, sondern um Verbindung, denn Gegensätze treten in Beziehung, anstatt sich gegenseitig aufzuheben, sichtbar in Formen wie dem Feuer, dem Tanz oder dem Maibaum, die nicht als dekorative Elemente verstanden werden müssen, sondern als Ausdruck eines Erlebens, das sich nicht vollständig in Sprache übersetzen lässt.

Ein ähnliches Motiv zeigt sich auch im Fest Ostara, das als Frühlingsfest der Fruchtbarkeit verstanden wird und in dem das Ei als zentrales Symbol für Ursprung, Leben und Entstehung steht, wobei sich im Laufe der Zeit eine kulturelle Verschiebung vollzogen hat, die diesen ursprünglichen Bezug verändert hat, was ich in dieser Form benenne, auch wenn mir bewusst ist, dass diese Sichtweise nicht allgemeingültig ist.

Zwischen diesen beiden Ebenen entsteht eine Spannung, denn auf der einen Seite steht ein naturhafter Übergang, der aus sich selbst heraus entsteht, während auf der anderen Seite eine gesellschaftliche Deutung steht, die diesen Tag mit Bedeutungen versieht, die sich immer weiter von der unmittelbaren Erfahrung entfernen und sich zunehmend verselbständigen.

Der erste Mai ist für mich kein Feiertag, sondern ein überlagerter Tag.

Diese Überlagerung zeigt sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Wahrnehmung, und besonders deutlich wird das in der Farbe Rot, die in vielen meiner Fotografien eine zentrale Rolle einnimmt und sich nicht als dekoratives Element zeigt, sondern als Verdichtung.

Goethe beschreibt Rot nicht als einfache Farbe, sondern als gesteigerte Form des Gelben, als einen Zustand, in dem Licht und Dunkel aufeinandertreffen und eine Intensität entsteht, die nicht nur gesehen, sondern unmittelbar empfunden wird, wodurch Rot zu einer Präsenz wird, die sich einer rein rationalen Einordnung entzieht.

Diese Qualität trägt sowohl die Intensität menschlicher Konflikte als auch die stille Kraft der Natur, die sich nicht behaupten muss, sondern einfach vorhanden ist, wodurch sich eine Tiefe ergibt, die sich nicht auflösen lässt, sondern wahrgenommen werden will.

Interessanterweise wird die Farbe Rot im Gesellschaftsmodell der Spiral Dynamics nach Clare W. Graves als Ausdruck von Durchsetzung, Kampf und unmittelbarer Kraft beschrieben, also als eine Ebene, in der sich Energie ungefiltert zeigt und sich nicht an übergeordnete Strukturen bindet.

An dieser Stelle wird eine Unterscheidung notwendig, denn es geht nicht um eine moralische Bewertung, sondern um die Form, in der sich diese Kraft äußert, ob sie zerstörerisch wirkt und sich entlädt, oder ob sie tragend wirkt und in einen Zusammenhang eingebunden ist, der erhält, schützt und weiterführt.

Die gleiche Energie kann zerstören oder bewahren.

Hier schließt sich der Kreis, denn das, was sich in gesellschaftlichen Konflikten als ungeordnete Entladung zeigt, erscheint im naturhaften Übergang als geordnete Kraft, die nicht auflöst, sondern verbindet und trägt.

In meinen Fotografien wird diese Verdichtung sichtbar, nicht als Erklärung, sondern als Zustand, denn sie ordnen nicht und sie bewerten nicht, sondern sie zeigen, was sich zwischen den Ebenen bewegt und sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht.

Hier entsteht die Verbindung zu Schiller, der das Verhältnis zwischen Mensch und Natur nicht als gegeben beschreibt, sondern als etwas, das gestaltet werden muss, als eine Aufgabe, die Freiheit erst ermöglicht und nicht voraussetzt.

An dieser Stelle zeigt sich eine Verschiebung, denn aus Gestaltung wird Kontrolle, aus Erfahrung wird Bewertung, und aus einem offenen Spiel entsteht eine Struktur, die sich über das unmittelbare Erleben legt und dieses verändert.

Das, was ursprünglich aus Erfahrung hervorging, wird zu einem System, das diese Erfahrung ordnet und damit verändert, ohne dass dieser Prozess als solcher wahrgenommen wird.

Der erste Mai macht diese Bewegung sichtbar, denn er vereint einen Übergang, der aus der Natur entsteht, mit einer gesellschaftlichen Deutung, die diesen Übergang interpretiert und überformt.

Zwischen beiden bleibt eine Spannung bestehen, die sich nicht auflösen lässt.

Diese Spannung beschreibt den Charakter dieses Tages.

Nicht als Feiertag, sondern als Zustand, in dem sichtbar wird, wie weit sich der Mensch von der unmittelbaren Erfahrung entfernt hat und gleichzeitig versucht, sie in Formen zu bringen, die er kontrollieren kann.

Meine Arbeit bewegt sich in diesem Zwischenraum, nicht mit dem Anspruch, ihn aufzulösen, sondern mit dem Ziel, ihn sichtbar zu machen, denn die Kraft liegt nicht im Motiv selbst, sondern in dem Raum, der entsteht, wenn sich etwas nicht sofort erklärt.

Ein Raum, der still wird.

Und in dieser Stille beginnt etwas, das sich nicht festhalten lässt, aber dennoch da ist.

Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe

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