Vom Fortsprint, vom Tod und der Kunst, stehen zu bleiben
Seit einigen Wochen trage ich den Impuls in mir, über innere Schwere, den Tod und die Fotografie zu schreiben. Schon beim ersten dieser Begriffe merke ich jedoch, dass er zu groß, zu eindeutig und vielleicht auch zu klinisch für das ist, was ich im Moment empfinde.
Es ist eher, als befände ich mich in einem kleinen, weiten Tal, in einer Phase stiller Traurigkeit, die sich nicht recht erklären lässt und gerade deshalb meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Manchmal fühlt es sich an wie ein Graben in einer Tiefe, von der ich glaube, ihren Grund längst erreicht zu haben, nur um festzustellen, dass sich darunter eine weitere Schicht auftut. Dann wieder erscheint es mir wie ein Schatten, der sich zeigt und den ich durch meinen inneren Rückzug nicht recht wahrhaben möchte.
Eigentlich gibt es auch dieses Mal keinen Grund, traurig zu sein.
Doch bereits dieser Satz macht mich nachdenklich. Seit wann benötigt meine Traurigkeit überhaupt eine Begründung? Und weshalb glauben wir so selbstverständlich, dass sich ein innerer Zustand aus äußeren Umständen ableiten lassen müsste, als wäre der Mensch ein System, bei dem bestimmte Eingangsgrößen zwangsläufig zu einem erwartbaren Ergebnis führen?
Beruflich bin ich ausgelastet, entwickle Projekte, schreibe und fotografiere, arbeite am IMAGI(E)NARIUM und an 3hochdrei, habe Familie, Ideen, Möglichkeiten und Zukunft. Wenn ich all diese Punkte nebeneinanderlege, müsste daraus beinahe zwangsläufig das Bild eines zufriedenen Menschen entstehen.
Und dennoch ist da dieses Gefühl des Abtauchens ins Nichtdeutbare. Gleichzeitig spüre ich eine Sehnsucht nach innerer Leere, nach einem Zustand, in dem für einen Augenblick nichts gedacht, geplant, gelöst oder entschieden werden muss. Nur stellt sich diese Leere nicht ein. Die Gedanken kreisen, verdichten sich, lösen sich wieder und rollen gelegentlich wie eine zähe Walze durch meinen Kopf.
Ein erster Gedanke führt mich zu einem möglichen Hinweis.
Wir betrachten nicht nur Gebäude, Prozesse, Unternehmen und Maschinen zunehmend wie Systeme, sondern auch uns selbst. Unsere inneren Zustände sollen erklärbar, messbar und möglichst korrigierbar sein. Wenn die Parameter stimmen, so scheint die Vorstellung, müsste auch das Ergebnis stimmen.
Nur scheine ich so nicht funktionieren zu wollen.
Gerade in diesem Widerspruch begegnet mir eine Frage, die weit über meine momentane Traurigkeit hinausführt: Leben wir längst in einer Welt des berechneten Wollens?
Will ich zu viel, wenn ich mir Frieden wünsche? Weshalb fällt es mir schwer, Wettaufrüstung oder die Umstellung auf eine Kriegsindustrie als notwendigen Fortschritt zu begrüßen? Ist das naiv, altmodisch oder Ausdruck eines Wollens, das sich einem anderen Wollen widersetzt?
Wir wollen etwas, weil es als erstrebenswert gilt, erreichen es, messen das Ergebnis und richten unser nächstes Wollen bereits auf das nächste Ziel. Doch ist dieses Wollen tatsächlich unser eigenes? Oder reagieren wir zunehmend auf Bedürfnisse, Erwartungen, Ängste und Möglichkeiten, die erst erzeugt werden müssen, damit die Bewegung nicht zum Stillstand kommt?
Die Frage nach dem Wollen ist dabei keineswegs harmlos. Schon die Geschichte kennt Augenblicke, in denen Menschen öffentlich danach gefragt wurden, ob sie den „totalen Krieg“ wollten. Allein die Möglichkeit, eine solche Frage zu stellen, zeigt, wie leicht sich Wollen erzeugen, bündeln und in eine bestimmte Richtung lenken lässt.
Was bedeutet unter solchen Bedingungen freier Wille überhaupt?
Wollen wir wirklich aus uns selbst heraus – oder sollen wir vor allem weiterwollen?
Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht tatsächlich ein wenig altmodisch. Das wäre auszuhalten.
Das berechnete Wollen
Während meiner Arbeit am IMAGI(E)NARIUM bin ich auf Arthur Schopenhauer gestoßen. Er beschreibt keine Existenz, die sich zwangsläufig auf einen besseren oder glücklicheren Zustand zubewegt, sondern einen Menschen, dessen Wille fortwährend neues Wollen hervorbringt. Ein erreichtes Ziel beendet das Begehren nicht, sondern eröffnet häufig bereits das nächste. Das Erreichen dessen, was wir wollten, schenkt uns einen Moment der Befriedigung, bevor ein neuer Mangel hervortritt und das Wollen erneut in Bewegung setzt.
In diesem Kreislauf gibt es keinen eingebauten Fortschritt zum Glück.
Genau dieser Gedanke berührt für mich etwas Grundsätzliches an unserer Gegenwart. Nahezu alles soll schneller, effizienter, intelligenter, vernetzter, produktiver und digitaler werden. Gleichzeitig scheint uns eine Furcht zu begleiten, die selten offen ausgesprochen wird: die Furcht, zurückzubleiben – hinter dem Wettbewerb, hinter anderen Ländern, hinter neuen Technologien oder hinter jenen, die vermeintlich schneller sind als wir.
Das Merkwürdige daran ist, dass wir Veränderung fürchten und gleichzeitig Angst davor haben, uns nicht schnell genug zu verändern.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, deren Bewegung nach vorne nicht mehr allein von Neugier, Gestaltungswillen oder tatsächlicher Notwendigkeit getragen wird, sondern zunehmend von der Sorge, den Anschluss zu verlieren?
Dann verändert sich auch das Wollen. Aus einer Möglichkeit wird eine Erwartung, aus der Erwartung eine Verpflichtung, und irgendwann bewegen wir uns nicht mehr auf etwas zu, weil wir dort wirklich hinwollen, sondern weil Stillstand selbst bedrohlich geworden ist.
An diesem Punkt verwandelt sich Fortschritt in einen Sprint.
Vom Fortschritt zum Fortsprint
Ich selbst kenne technischen Fortschritt nicht aus der Distanz. Mein beruflicher Weg führte vom Zeichenbrett über CAD, dreidimensionale Modelle, Punktwolken, Laserscanning und BIM bis hin zur künstlichen Intelligenz. Ich arbeite mit diesen Werkzeugen, verdiene mit ihnen mein Geld und sehe ihren großen Nutzen.
Gerade deshalb frage ich mich, ob wir Fortschritt und Entwicklung nicht zu selbstverständlich miteinander gleichsetzen.
Ein neues Werkzeug bleibt zunächst ein neues Werkzeug. Es erweitert unsere Möglichkeiten, beschleunigt Abläufe oder eröffnet Zugänge, die vorher nicht vorhanden waren. Ob daraus tatsächlich Entwicklung entsteht, entscheidet sich jedoch erst daran, wie wir uns zu diesen Möglichkeiten verhalten und was sie mit unserem Leben machen.
Die Digitalisierung versprach uns über Jahrzehnte Entlastung. Maschinen und Computer sollten Arbeit übernehmen, Prozesse beschleunigen und uns Zeit schenken. Wenn ich jedoch auf meinen eigenen Arbeitsalltag und auf die Welt um mich herum schaue, drängt sich eine einfache Frage auf:
Wo ist diese Zeit geblieben?
Wenn eine Tätigkeit früher acht Stunden benötigte und heute in vier erledigt werden kann, müssten theoretisch vier Stunden frei werden. Tatsächlich werden diese Stunden meistens mit neuen Aufgaben gefüllt. Was gestern technisch unmöglich war, ist heute möglich und wird morgen selbstverständlich erwartet.
Die Digitalisierung nimmt uns Arbeit ab, aber sie nimmt uns die Arbeit nicht weg. Je leistungsfähiger unsere Werkzeuge werden, desto größer wird vielmehr der Raum dessen, was innerhalb derselben Zeit von uns verlangt werden kann. Aus Entlastung entsteht neue Belastung, aus Zeitgewinn zusätzliche Arbeit und aus Effizienz ein höherer Takt.
Wir sparen Zeit, um noch mehr in dieselbe Zeit hineinzupacken.
So wird aus Fortschritt ein Fortsprint.
Das Problem eines solchen Sprints liegt nicht allein in seiner Geschwindigkeit. Ein Sprint kennt kein eigentliches Genug, weil seine Logik aus schneller und langsamer, vorne und hinten, Gewinnern und Verlierern besteht. Solange das Ziel sichtbar ist, mag das funktionieren. Doch was geschieht, wenn wir längst weiterlaufen, obwohl niemand mehr sagen kann, worauf wir eigentlich zulaufen?
Irgendwann könnte der Punkt erreicht sein, an dem wir ins Leere sprinten und feststellen, dass wir zwar gelernt haben, immer schneller zu werden, aber nicht mehr, wie man anhält.
Deshalb stellt sich für mich eine andere Frage: Hat wirklich der Mensch ein Geschwindigkeitsproblem – oder hat die Geschwindigkeit inzwischen ein Menschenproblem?
Momo und die Zeit
An diesem Punkt denke ich an Michael Endes Momo. Kaum ein anderes Buch beschreibt für mich so eindrücklich, was geschieht, wenn Menschen beginnen, ihre Lebenszeit wie ein wirtschaftliches Gut zu behandeln.
Die Menschen in dieser Geschichte versuchen, Zeit zu sparen, und während ihre angesparte Zeit vermeintlich immer mehr wird, haben sie immer weniger davon zur Verfügung.
Darin liegt die eigentliche Tragik. Sie sparen nicht nur Minuten und Stunden, sondern Stück für Stück ihr eigenes Leben weg. Denn Zeit liegt nicht außerhalb unseres Lebens wie Geld auf einem Konto, das wir heute einzahlen und irgendwann wieder abheben können.
Zeit ist unser Leben.
Wenn ich eine Stunde spare, habe ich diese Stunde nicht irgendwo für später aufbewahrt. Sie ist vergangen, und entscheidend ist nicht allein, wie effizient ich sie genutzt habe, sondern ob in ihr überhaupt etwas geschehen konnte, das zu meinem Leben gehört.
Deshalb kann die entscheidende Frage nicht nur lauten, wie viel wir innerhalb einer bestimmten Zeit erledigen können. Ebenso bedeutsam ist, was in dieser Zeit entstehen, reifen, erfahren und wahrgenommen werden darf.
Ein Gespräch lässt sich nicht beliebig beschleunigen, ohne sich dadurch zu verändern. Eine Beziehung kann nicht effizient abgearbeitet werden, Trauer lässt sich nicht terminieren und ein Gedanke nicht auf Knopfdruck zur Reife bringen. Manches braucht Zeit und manches braucht Umwege. Es gibt Dinge, die scheitern müssen, bevor etwas anderes sichtbar werden kann, und Erfahrungen, die ausgehalten werden wollen, obwohl noch keine Lösung bereitsteht.
So komme ich zu einer Frage, die dem üblichen Gedanken des Zeitsparens beinahe entgegenläuft:
Haben wir womöglich weniger verlernt, Zeit zu sparen, als vielmehr Zeit geschehen zu lassen?
Entwicklung
Wenn ich in die Natur blicke, sehe ich wenig, was unserem Fortsprint entspricht. Frühling, Sommer, Herbst und Winter lösen einander ab, ohne dass eine Jahreszeit die vorherige überwinden oder verbessern müsste. Ein Baum verliert seine Blätter, ohne gescheitert zu sein. Ein Feld ist nicht wertlos, weil es brachliegt, und ein alter Baum ist nicht weniger entwickelt, nur weil ein junger schneller wächst.
Die Natur kennt Wachstum und Rückzug ebenso wie Werden und Vergehen, Bewegung und Ruhe. Keiner dieser Zustände muss den anderen rechtfertigen.
Schon das Wort Entwicklung trägt für mich deshalb ein anderes Bild in sich als Fortschritt. Etwas, das eingewickelt war, entfaltet sich und wird sichtbar. Entwicklung muss folglich nicht immer bedeuten, etwas hinzuzufügen. Sie kann ebenso darin bestehen, Schichten abzutragen und etwas freizulegen, das längst vorhanden war.
Was wäre also, wenn wir nicht ständig mehr werden müssten, sondern gelegentlich herausfinden sollten, was unter all dem, was wir angehäuft, gelernt, übernommen und zu unserem Selbstbild gemacht haben, überhaupt noch vorhanden ist?
An diesem Punkt wird auch C. G. Jung für mich wichtig. Entwicklung bedeutet bei ihm nicht, immer makelloser zu werden, sondern ebenso jene Seiten des eigenen Wesens anzusehen, die nicht in das gewünschte Bild von uns selbst passen. Während Optimierung dazu neigt, einen vermeintlichen Fehler beseitigen zu wollen, kann Entwicklung bedeuten, den Widerspruch wahrzunehmen, auszuhalten und in das eigene Leben zu integrieren.
Darin liegt ein Unterschied, der mich zunehmend beschäftigt. Wir verfügen heute über erstaunliche Möglichkeiten, unsere Umwelt zu verändern, Prozesse zu verbessern und Systeme zu optimieren. Sich selbst zu begegnen, scheint dagegen nicht leichter geworden zu sein.
Es ist womöglich noch immer einfacher, die Welt zu verändern, als sich selbst anzusehen.
Und damit kehrt eine Frage zurück, die hinter vielem steht, worüber ich hier schreibe:
Wovor laufen wir eigentlich davon?
Endlichkeit
Martin Heidegger führt diese Frage an eine Grenze, der wir trotz aller technischen Möglichkeiten nicht entkommen können: an den Tod.
Dabei geht es nicht um die abstrakte Feststellung, dass irgendwann alle Menschen sterben werden. Eine solche Aussage lässt sich erstaunlich leicht auf Abstand halten. Etwas völlig anderes geschieht, sobald daraus ein persönlicher Satz wird:
Ich werde sterben.
Mein Tod gehört zu meinem Leben. Niemand kann ihn mir abnehmen und niemand kann an meiner Stelle sterben. In dieser Hinsicht ist Endlichkeit nicht nur eine biologische Tatsache, sondern etwas zutiefst Eigenes.
In einem früheren Text über Dualität habe ich Geburt und Tod nicht als zwei voneinander getrennte Gegensätze beschrieben, sondern als ein und denselben Vorgang, der aus unterschiedlichen Richtungen betrachtet wird. Mit der Geburt beginnt nicht auf der einen Seite das Leben, während am anderen Ende irgendwann der Tod wartet. Bereits mit dem Beginn ist die Endlichkeit gegenwärtig.
In jedem Werden liegt deshalb auch das Vergehen.
Das Blatt, das sich im Frühjahr entfaltet, trägt seine Vergänglichkeit bereits in sich. Dass es im Herbst fällt, bedeutet nicht, dass sein Werden gescheitert wäre. Sein Vergehen gehört ebenso zu ihm wie sein Entstehen.
Gerade daran stößt unser Fortschrittsdenken an eine Grenze – und womöglich auch ich an meine eigene. Wir möchten das Werden behalten und das Vergehen überwinden, Wachstum bewahren, Alterung aufhalten und Verlust möglichst abschaffen.
Doch lässt sich das eine tatsächlich vom anderen trennen?
Der Transhumanismus führt diese Frage in eine radikale Richtung. Wenn Alterung, körperliche Begrenztheit und vielleicht irgendwann sogar der Tod als technisch lösbare Probleme betrachtet werden, berühren wir einen alten Menschheitstraum mit neuen Mitteln: die Überwindung der eigenen Endlichkeit.
Nur würde sich damit nicht allein unsere Lebensdauer verändern. Auch die Bedeutung des Augenblicks könnte eine andere werden.
Wenn unser Leben unendlich wäre, jeder Frühling beliebig oft wiederkäme, jedes Versäumte nachholbar und jede Begegnung ohne endgültigen Verlust wiederholbar wäre – welche Bedeutung hätte dann noch dieser eine Frühling, diese eine Begegnung, dieser eine Nachmittag?
Der Wert eines Augenblicks entsteht womöglich nicht trotz seiner Vergänglichkeit, sondern durch sie.
Er ist kostbar, weil er vergeht.
Fotografie
Und genau dort beginnt für mich die Fotografie.
Wir sprechen häufig davon, mit einer Kamera einen Augenblick festzuhalten. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger erscheint mir dieser Ausdruck.
Was halten wir tatsächlich fest?
In dem Moment, in dem ich ein Foto betrachte, ist der Augenblick, den es zeigt, bereits vergangen. Das damalige Licht ist verschwunden, der Mensch weitergegangen, die Blume verwelkt, der Baum verändert, und auch derjenige, der hinter der Kamera stand, ist nicht mehr genau derselbe.
Die Fotografie hält den Augenblick also nicht fest. Im Gegenteil: Sie macht sichtbar, dass er nicht festzuhalten war.
Gerade deshalb frage ich mich, ob darin ein Grund für unsere tiefe Beziehung zur Fotografie liegen könnte. Menschen fotografieren Geburtstage, Reisen, Kinder, Eltern, Freunde, Landschaften, Feste und jene scheinbar unbedeutenden Momente des Alltags, von denen wir oft erst später begreifen, wie bedeutend sie waren.
Wir wollen bewahren und erhalten doch einen Beweis des Vergangenseins.
Das führt mich zu einem Wort, das mich schon länger begleitet: Ent-Täuschung.
Gewöhnlich verstehen wir darunter etwas Negatives, das Zerbrechen einer Erwartung oder Hoffnung. Trennt man das Wort jedoch auf, erscheint darin noch etwas anderes: Eine Täuschung fällt weg. Etwas zeigt sich anders, als wir angenommen haben.
Könnte das Foto in diesem Sinn eine Ent-Täuschung sein?
Wir glauben, es bewahre einen Augenblick, und gerade beim Betrachten offenbart es uns dessen Unwiederbringlichkeit. Das Bild täuscht nicht darüber hinweg, dass die Zeit vergangen ist. Im besten Fall legt es genau das offen.
Damit berührt die Fotografie für mich den Gedanken der Aletheia, der Unverborgenheit. Nicht deshalb, weil eine Fotografie eine objektive Wahrheit liefern könnte. Auch ein Foto ist Auswahl, Ausschnitt, Standpunkt und Interpretation. Doch in der fotografischen Begegnung kann etwas aus seiner Selbstverständlichkeit heraustreten und sichtbar werden, das vorher verborgen blieb.
Vielleicht besteht die Kraft der Fotografie gerade darin: nicht die Vergänglichkeit zu besiegen, sondern sie sichtbar werden zu lassen.
Sie wäre dann kein Instrument gegen das Vergehen, sondern eine Form, ihm zu begegnen.
Wenn ich mit einer Kamera in den Wald gehe, werde ich langsamer. Mein Blick bleibt an einem Ast hängen, an einem Schatten, einer Lichtkante, einer Oberfläche oder an etwas, an dem ich ohne Kamera vermutlich vorbeigegangen wäre. Der Baum möchte nicht optimiert werden, der Nebel benötigt keine Strategie und das Licht kein Update.
Für diesen Augenblick muss auch ich nichts verbessern, nichts erreichen und nichts beschleunigen. Ich muss aus dem Gesehenen nicht einmal etwas machen.
Ich darf einfach schauen.
Darin liegt für mich die eigentliche Gegenbewegung zum Fortsprint. Sie besteht weder im Rückzug aus der Welt noch in einer Ablehnung von Technik. Ich arbeite mit Technik, ich schätze sie, und ich werde sie weiterhin verwenden. Entscheidend ist für mich etwas anderes: dass zwischen all dem Messen, Berechnen, Beschleunigen und Optimieren ein Raum bestehen bleibt, in dem Begegnung möglich ist – mit der Welt, mit anderen Menschen und mit mir selbst.
Eine Begegnung, die auch Ecken und Kanten, Widersprüche und Unvollkommenheiten aushält, anstatt sie sofort beseitigen zu wollen.
Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten gelernt, immer genauer zu berechnen, was wir können, wie schnell wir es können und wie viel davon möglich ist. Doch hinter all diesen Fragen bleibt eine andere bestehen, die sich weder berechnen noch delegieren lässt:
Wie will ich eigentlich leben?
Nicht irgendwann nach der nächsten Transformation, dem nächsten technischen Sprung oder der nächsten Optimierung, sondern jetzt, innerhalb meiner begrenzten Zeit.
Ein endliches Leben wird nicht dadurch größer, dass ich immer mehr in seine Zeit hineinpresse. Entscheidend könnte vielmehr sein, ob ich in dieser Zeit überhaupt noch anwesend bin.
So verschiebt sich für mich am Ende auch die Frage nach Geschwindigkeit. Es geht nicht mehr darum, wie sehr wir unser Leben noch beschleunigen können, sondern darum, wie tief wir ihm begegnen.
Ich fotografiere nicht, um die Zeit anzuhalten, und auch nicht, um einen Augenblick zu besitzen. Ich fotografiere, weil dieser Augenblick vergeht und weil auch ich vergehe.
Fortschritt kann mir zeigen, wie weit wir gekommen sind, während Entwicklung die Frage stellt, wer wir auf diesem Weg geworden sind.
Und die Fotografie erinnert mich daran, dass mir nicht unendlich viel Zeit bleibt, es herauszufinden.
Carlos Vicente de la Plaza – zeitlichtundfarbe
Bleiben wir in Verbindung –
Licht verändert sich, Gedanken auch.
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